
Der Garten ist ein starkes Bild für unsere spirituelle Wirklichkeit.
Spiritualität hat natürlich nicht nur mit unserem Innenleben zu tun. Doch gibt es keine Spiritualität, die nicht achtsam auf das schaut, was innerlich geschieht. Dabei gibt es nicht nur innere Bewegungen, Gefühle, Stimmungen, Regungen, sondern auch Wirklichkeiten, die bestimmte Entwicklungen durchmachen. Eine Einsicht, eine Gewohnheit, eine Praxis kann wachsen. Etwas einseitig ausgedrückt meint die Schweizer Extremsportlerin und Abenteuerin Evelyne Binsack: „Glück ist kein Zustand, sondern eine Disziplin.“ Soweit müssen wir nicht gehen, um zu sehen, dass wir alle einen bestimmten Einfluss auf das haben, was in uns „wächst“, aber wir haben keine Kontrolle über das Wachstum selbst. Auf Evelyne Binsack antwortend könnten wir mit dem Bild vom Garten sagen, selbst in einem französischen Garten, hat jede Pflanze ihr je eigenes Wachstum und auch dort müssen die natürlichen Lebensprozesse der Blumen und Sträucher berücksichtigt werden. Also auch sehr disziplinierte Menschen müssen mit inneren Prozessen umgehen, die sich ihrer Kontrolle entziehen.
Der Garten ist eine wunderbare Kombination von Kultur und Natur. Ausserhalb des Gartens ist vielleicht unberührte Natur, Wildnis, oder es ist Beton, Teer, zugepflastert, nichts mehr von Natur zu erkennen.
Wenn wir den zweiten (aber älteren) biblischen Schöpfungsbericht als Geschichte betrachten, die uns unseren eigenen Ursprung in Gottes Hand begreifen lässt, können wir feststellen: Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, nicht in eine Wildnis, nicht ins Tohuwabohu. Gott schuf eine gestaltete Umwelt, in der alles seinen Platz hat. Und er gab dem Menschen den Auftrag, diesen Garten zu pflegen. So haben wir Menschen einen Auftrag, eine Verantwortung, eine Aufgabe, einen Sinn für das Ganze.
Allerdings gibt es bei einem Garten ein Innen und ein Aussen. Das, was den Garten ausmacht, ist, dass es in ihm anders aussieht als ausserhalb. Auch die biblische Geschichte thematisiert diese Grenze.
Wie auch immer wir die Sehnsucht nach der heilen Welt, oder besser nach der geheilten Welt, nach dem Reich Gottes, nach der neuen Schöpfung ausdrücken, der sogenannte Schöpfungsbericht spricht von einem heilen Ursprung. Gott hat uns und seine ganze Schöpfung ursprünglich gut gemacht. Unsere Sehnsucht kann hier an eine Erinnerung anknüpfen, oder ist mindestens auch als Erinnerung formuliert. Das führt natürlich zur möglichen Schlussfolgerung, wir seien aus dem Garten herausgeflogen, denn die Wahrnehmung der Welt ist ja alles andere als das, was wir als heile Welt bezeichnen könnten. Und so geht die Geschichte in Genesis 3 ja dann auch weiter. Mit einem positiven Blick können wir allerdings auch feststellen, dass es offenbar einen Garten gibt. Dieses ursprünglich Gute ist da, ist immer noch Gottes erster Wunsch für uns. Paulus schrieb in diesem Sinne von Jesus als dem zweiten Adam. Wenn wir uns auf die Botschaft Jesu einlassen, in uns seine Liebe und Solidarität, seinen Blick der Barmherzigkeit und sein radikales Vertrauen in den Himmlischen Vater wachsen lassen, dann wächst in uns dieses verlorene Paradies. Nicht, dass dies ein bloss innerlicher Vorgang wäre, als könnten wir in einer Art Psychohygiene einfach nur solche positiven Gedanken oder Gebete pflegen. Und ebenso wenig wird es uns gelingen, schmerzfrei diese heile Welt herbei zu schaffen. Wenn wir uns wirklich auf die Liebe einlassen, die durch Jesus so heilend und befreiend auf andere Menschen und Gemeinschaften wirkte, dann ist es auch mit dem Schmerz verbunden, den er in seinem konsequenten Gewaltverzicht erlitten hat, der aber letztlich die Erfahrung der Erlösung innerlich schon zugänglich macht in der Hoffnung, sie zu teilen... mit allen... für immer.